26.XII.1915 „Weihnachten verlebten wir recht nett“

Wolfgang Husserl an M. Husserl, 26. XII. 1915

Liebe Mama!                                                                                                                                                      E<tai>n, den 26.12.1915

Ich habe längere Zeit nicht ausführlich geschrieben und so manches verschwiegen, was hier vor sich gegangen ist. Die Stadt wimmelt jetzt von Soldaten, da zwei neue Kompanien hierhergekommen sind vom Landwehrregiment. … Außerdem kommt in den nächsten Tagen eine neue Pionierkompanie. Das Generalkommando ist von Ecurey nach Marville verlegt, außerdem liegt seit einigen Tagen hinter uns das … Armeekorps in Reserve. Was das zu bedeuten hat, weiß ich nicht. Es schwirren jetzt so viele Gerüchte von einer Offensive im Westen umher und von einer Belagerung Verduns. Schon im November vorigen Jahres war dies geplant, aber Exzellenz von Gündell weigerte sich, da die von ihm geforderte Munition nicht bewilligt wurde (dies wissen wir von einem Rittmeister aus dem Generalkommando) .…

Oft kommt man durch die Gräben wegen der sich auftürmenden Erdmassen, zwischen denen die eingerutschte Verkleidung, Maschendraht und Pfähle ein besonderes Hindernis bilden, und des Wassers nicht durch. Dann läuft man über der Brustwehr weg. Die Franzosen sehen einen dann, sagen aber nichts, da unsere Artillerie sich vernünftig benimmt und die Franzosen nicht „reizt“, wie wir. Die wichtigste Arbeit ist, den Graben passierbar zu machen. Bretter, Knüppelreste und alles Mögliche wird in den Graben geschmissen. Hat man das erreicht, dann geht man daran, den Graben in seinem alten Glanze wiederherzustellen. Entwässerung ferner ist das Hauptproblem, Wassergruben und Dränage sind die Schlagworte des Tages. Wo aber im Graben kein durchlaufendes Gefälle rauszubekommen, hilft kein Abzugsgraben. Da muss man pumpen. Die Instrumente versagen aber oft. Die verschiedensten Systeme sind im Gebrauch. Die Schläuche zu kurz und passen nicht an jede Pumpe. Da gibt es viel Ärger. …

Weihnachten verlebten wir recht nett. Nachmittags Gottesdienst im Hôtel de Ville, wo ein wunderschöner geschmückter Baum prangte, dann Feier in der Kompanie in einem Speicher, wo jeder Mann ein Paket für sich vorfand, in dem sich Liebesgaben, Geschenke der Kompanie, befanden. Die Kompanie bekam vom Bataillon ein Schwein. So gab es für die Mannschaften auch ein feiertägliches Essen. Wir aßen Kaviar und tranken Sekt und schwelgten in anderen Genüssen. Jedes Quartier hat einen Baum, so auch wir. Eure Weihnachtsgeschenke freuten mich sehr. W. 7 noch nicht erhalten. Brief vom 20. des Monats erhalten, vielen Dank! Übermorgen kommen wir auf Schanze IV …

W.

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