4.I.1916 „Dass wir eine große Offensive planen, glauben wir alle auf das Bestimmteste“

Wolfgang Husserl an M. Husserl, 4. I. 1916

Liebe Mama!                                                          Etain, 4. Januar <19>16

Eben erhalte ich Deinen lieben Brief vom 1. des Monats, den ich gleich beantworten will. Ausführlich habe ich ja gestern geschrieben. Heute habe ich viel Zeit. Ich wollte eigentlich mit dem Kompanieführer der Pioniere auf den Riegel gehen, aber da kam der Oberstleutnant dazwischen. Also: Wegen der Platte des erwähnten Bildes und des neuesten will ich sehen.

Dass wir eine große Offensive planen, glauben wir alle auf das Bestimmteste. Meine Grabeninspektion habe ich dauernd. Ich bin sozusagen beim Stabe des I. Bataillons. Zu danken, zu schreiben habe ich Großmama, Frau Hilbert, Erika Küppers, Hippels. Gerhart schickte mir eine vergnügte Weihnachtskarte mit vielen Unterschriften. Honig bekommen. Marzipan schmeckte sehr gut. Ich esse es sehr gerne. …

Elli hat wohl sehr viel zu tun. Ich habe immer das unangenehme Gefühl, dass die zuhause vom Kriege mehr auszustehen haben als wir. Ich glaube, wir essen bedeutend besser als Ihr, jedenfalls kriegen wir mehr Fleisch. …

3.I.1916 „Eben belegen die Franzosen Etain mit Schrapnells“

Wolfgang Husserl an M. Husserl, 3. I. 1916

Liebe Mama!                          Etain, den 3.1.1916

Es tut mir wirklich sehr leid, dass Euch das Ausbleiben eines speziellen Weihnachtsbriefes gekränkt hat. Ich glaubte aber, Euch mit einem Geschenk, den vielen schönen Photographien, eine größere Freude zu bereiten.

In den letzten Tagen gab mir Herr Hauptmann Mattersdorf reichlich zu tun, und die freie Zeit verbrachte ich in fröhlicher Geselligkeit, so dass ich gar nicht zum Schreiben kam. Meine Briefschulden kann ich nur nach und nach abtragen. Dass ich jetzt immer mit den Herren der 1. Kompanie zusammen bin, ist für mich von großem Wert, denn es sind prächtige Menschen, von denen man viel lernen kann und dann hat. Herr von Gilsa, in sehr freundschaftlicher Weise, hat mir einige Winke gegeben, wie ich mich zu den Herren meiner Kompanie stellen soll, mit denen ich noch immer nicht so recht gut stand (aber natürlich auch nicht schlecht). Der Erfolg ist schon da. Ich besuche Oberstleutnant Alt jedes Mal, wenn ich auf dem Riegel bin. … In Etain herrschte ziemliche Besoffenheit. Um 12 Uhr wurden aus allen Häusern Freudenschüsse abgegeben. Auf der Metzerstraße war man seines Lebens nicht sicher. In der Stellung ging es ähnlich her. Artillerie schoss nicht. Am nächsten Abend war ich von meiner Kompanie zum Abendessen eingeladen, um die Feier nachzuholen. Es war noch Hauptmann Duvernoy von der 13. Kompanie, die jetzt auf Schanze V liegt, da. Ladenburg hatte große Pakete bekommen, in denen meist Sekt drin war, den wir in fröhlicher Stimmung vertilgten. Oberleutnant Alt pflaumte mich immer an. Ich wäre ein Abtrünniger, ein Etappenschwein, weil ich nicht oben in der Stellung wohne und ähnlich. Wir waren recht fidel. Wie ich in der sehr dunklen Nacht vom Riegel nach Hause gekommen bin, weiß ich heute noch nicht, jedenfalls ganz unversehrt. Gestern Abend hatten wir unseren sächsischen Nachbarn, die Offiziere von 8/L<and>dw<ehr> 102, eingeladen und saßen abends lange zusammen. Herr von und zu Gilsa ist von altem Adel, aber ein durch und durch moderner, praktischer Mensch, Großkaufmann und Industrieller. Natürlich habe ich mit ihm immer interessante Gespräche. Er ist groß, stark und breitschultrig. Leutnant Rothe ist ein idealistischer, warmherziger Mensch, der seinen Lehrer- und Erzieherberuf sehr hoch auffasst. Er hat in Posen viel bei Brecht gehört, für den er sehr schwärmt. Feldwebelleutnant Scharfenkamp hat den Hererokrieg mitgemacht und sich in Flandern sehr ausgezeichnet. Er war mit etwa 100 Mann beim Sturm zu weit vorgedrungen und 2 Tage lang in einem abgesonderten Grabenstück von den Franzosen förmlich belagert worden. Er schlug sich aber bis zu unseren Leuten durch. Die andern harrten noch 3 Tage aus und mussten dann kapitulieren.

Eben belegen die Franzosen Etain mit Schrapnells, die aber sämtlich zu unserem großen Gaudium in die Gärten gehen statt in die Straßen. Der Riegel wird jetzt öfters mit 12 cm beschossen, weil unsere Mörser sich viel betätigen. …

 

29.XII.1916 „Ein fröhliches neues Jahr wünsche ich Euch allen“

August von Mackensen (1849-1945) in der Uniform des 1. Leib-Husaren-Regiments

Wolfgang Husserl an M. und E. Husserl, 29. XII. 1915

Liebe Eltern!                    Etain, den 29. Dezember 1915

Ich esse jetzt mit den Herren der 1. Kompanie zusammen, mit denen wir (15. Kompanie) befreundet sind. Wir essen einfacher und Gott sei Dank billiger als bei der 15., wo die Repartition ca. 60 Mark im Monat ausmacht, während andere Kompanien nicht den dritten Teil davon ausgeben.

Zu tun habe ich nicht viel. Ich gehe vor- und nachmittags auf den Riegel und brauche morgens nicht so zeitig aufzustehen. Ich lerne bei meinen Gängen eine Menge Offiziere kennen.

Wieder ist eine neue Formation in E. erschienen, eine Festungsmaschinengewehrtruppe, etwa so viel wie eine Kompanie. Dem Regiment unterstehen jetzt 21 Kompanien. Die beiden Pionierkompanien mitgerechnet. Man erwartet an der Front allgemein eine Offensive gegen Frankreich. Mackensen soll mit einem Teil seiner Armee in Sedan sein. Dass bulgarische Truppen in Dresden feldgrau eingekleidet wurden, weiß ich von einem Offizier, dessen Vater beim Bekleidungsamt ebenda ist.

Wetter veränderlich. Neulich musste ich mich nach dem Riegel (Schanze V) noch in einem Kahn über einen 400 m langen See fahren lassen, jetzt hat das Wasser abgenommen.

Habt ihr die Photographien erhalten? Großmama sandte mir ein Weihnachtspaket, worüber ich mich sehr freute.

Was Nettes zum Lesen könnte ich sehr brauchen.

W.

Ein fröhliches neues Jahr wünsche ich Euch allen.

27.XII.1915 „Am Heiligen Abend Punkt 12 Uhr schossen die Franzosen heftig“

Wolfgang Husserl an M. und E. Husserl, 27. XII. 1915

Liebe Eltern!                    E<tain> …, 27. XII. 1915

Anbei ein Bild, das mich in meinem Zimmer am Schreibtisch zeigt. Hoffentlich gefällt es Euch. …

Heute war ich auf dem Riegel, um den Offizieren der neuen Pionierkompanie die Stellung zu zeigen. Die Kompanie war früher schon einmal in E<tain> und kam im September in die Champagne. Die Herren wunderten sich sehr über unser friedliches Leben und die friedlichen Bilder, genauso wie ich, als ich nach Flandern herkam. Es kam mir wieder zum Bewusstsein, wie schwach wir hier sind (den Abschnitt eines Armeekorps in der Champagne hat hier ein Regiment inne), und dass es demnach eine beträchtliche Leistung ist, mit diesen geringen Arbeitskräften die Stellung ausgebaut zu haben.

Am Heiligen Abend Punkt 12 Uhr schossen die Franzosen heftig nach E. ohne Schaden anzurichten, bis unsere Mörser ihnen Schweigen geboten.

Bitte 6 Taschentücher.

W.

26.XII.1915 „Weihnachten verlebten wir recht nett“

Wolfgang Husserl an M. Husserl, 26. XII. 1915

Liebe Mama!                                                                                                                                                      E<tai>n, den 26.12.1915

Ich habe längere Zeit nicht ausführlich geschrieben und so manches verschwiegen, was hier vor sich gegangen ist. Die Stadt wimmelt jetzt von Soldaten, da zwei neue Kompanien hierhergekommen sind vom Landwehrregiment. … Außerdem kommt in den nächsten Tagen eine neue Pionierkompanie. Das Generalkommando ist von Ecurey nach Marville verlegt, außerdem liegt seit einigen Tagen hinter uns das … Armeekorps in Reserve. Was das zu bedeuten hat, weiß ich nicht. Es schwirren jetzt so viele Gerüchte von einer Offensive im Westen umher und von einer Belagerung Verduns. Schon im November vorigen Jahres war dies geplant, aber Exzellenz von Gündell weigerte sich, da die von ihm geforderte Munition nicht bewilligt wurde (dies wissen wir von einem Rittmeister aus dem Generalkommando) .…

Oft kommt man durch die Gräben wegen der sich auftürmenden Erdmassen, zwischen denen die eingerutschte Verkleidung, Maschendraht und Pfähle ein besonderes Hindernis bilden, und des Wassers nicht durch. Dann läuft man über der Brustwehr weg. Die Franzosen sehen einen dann, sagen aber nichts, da unsere Artillerie sich vernünftig benimmt und die Franzosen nicht „reizt“, wie wir. Die wichtigste Arbeit ist, den Graben passierbar zu machen. Bretter, Knüppelreste und alles Mögliche wird in den Graben geschmissen. Hat man das erreicht, dann geht man daran, den Graben in seinem alten Glanze wiederherzustellen. Entwässerung ferner ist das Hauptproblem, Wassergruben und Dränage sind die Schlagworte des Tages. Wo aber im Graben kein durchlaufendes Gefälle rauszubekommen, hilft kein Abzugsgraben. Da muss man pumpen. Die Instrumente versagen aber oft. Die verschiedensten Systeme sind im Gebrauch. Die Schläuche zu kurz und passen nicht an jede Pumpe. Da gibt es viel Ärger. …

Weihnachten verlebten wir recht nett. Nachmittags Gottesdienst im Hôtel de Ville, wo ein wunderschöner geschmückter Baum prangte, dann Feier in der Kompanie in einem Speicher, wo jeder Mann ein Paket für sich vorfand, in dem sich Liebesgaben, Geschenke der Kompanie, befanden. Die Kompanie bekam vom Bataillon ein Schwein. So gab es für die Mannschaften auch ein feiertägliches Essen. Wir aßen Kaviar und tranken Sekt und schwelgten in anderen Genüssen. Jedes Quartier hat einen Baum, so auch wir. Eure Weihnachtsgeschenke freuten mich sehr. W. 7 noch nicht erhalten. Brief vom 20. des Monats erhalten, vielen Dank! Übermorgen kommen wir auf Schanze IV …

W.