2.XI.1914 „Wir kämpfen in einer Riesenschlacht, möge sie siegreich sein“

Wolfgang Husserl an M. und E. Husserl, 2. XI. 1914

… Wir kämpfen in einer Riesenschlacht*, möge sie siegreich sein. Schönes Wetter, in der Nacht bald Mondschein, bald Regen. Ich stand drei Stunden mit Ger<har>t und Niese als Patrouille Posten. Manchmal schweigt die Schlacht vollständig. Man weiß dann nicht, was man in der schwermütigen und mondbeschienenen Gegend soll, bis Gewehrgeknatter an die Wirklichkeit erinnert. Es geht uns sehr gut.

Wolfgang.

Gesund, wohl, mutig.

Gerhart, Wolfgang.


* Erste Flandernschlacht/ Ypernschlacht (20. Oktober bis 18. November 1914).

1.XI.1914 „Die Kriegserklärung der Türken hat uns sehr gefreut“

Wolfgang Husserl an M. und E. Husserl, 1. XI. 1914

… Unser Leben ist ziemlich einförmig, immer liegt man im Schützengraben. … Ab und zu hat ein Zug Ruhetag im Gutshof hinter der Schützenlinie, wir schlafen dann auf Stroh in einer Scheune, was eine große Wohltat ist. … Ich habe mich gewaschen und die Füße in die herrlichen neuen Fußlappen gehüllt. Da das Seebataillon wieder abgerückt ist, führt unsere Kompanie der tüchtige Feldwebel, das Bataillon führt Hauptmann Bratsch, das Regiment unser Major. Hier auf dem Gutshof sieht es recht traurig aus, zwanzig Schweine laufen auf dem Hof herum und im Hause herrscht ein richtiges Durcheinander.

Eine Stube ist als Büro eingerichtet, da werden die Verlustlisten festgestellt. Dr. Clemens* ist vermisst seit dem Gefecht am 21., d.h. zu 90 % Wahrscheinlichkeit schwer verwundet, schwer verwundet gefangen. Bitte das Professor Andreas* wissen zu lassen. Dr. Niese ist jetzt unser bester Kamerad, ein ganz famose Mensch. Er führt als Historiker das Tagebuch der Kompanie und genießt großes Ansehen.

In dem Telegramm vom Wolffschen Büro vom 21. hieß es: „Unsere Truppen drangen siegreich nach Ypern vor“. Das sind wir gewesen.

„Amtliche Kriegs-Depeschen nach Berichten des Wolff’schen Telegr.-Bureaus“

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist übrigens nicht wahr, dass die Truppen im Felde über die Kriegslage gänzlich im Unklaren gelassen werden, wir jedenfalls nicht. Jede Neuigkeit wird uns entweder offiziell im Tagesbefehl der Division oder so vom Feldwebel mitgeteilt. Die Kriegserklärung der Türken hat uns sehr gefreut. Dass der Islam sich regt, dazu hat Professor Littmanns* Aufruf sicher etwas beigetragen. Sehr betrübt hat mich die Nachricht, dass Klauber gefallen ist, ich mochte ihn sehr gern. – Die Kriegschroniken machen uns Kameraden viel Freude, geben außerdem gutes Lokuspapier ab. Bitte um Schal, Handschuhe (!!), Natron, Tintenstifte …


* Rudolf Clemens studierte ab SS 1910 Theologie. Er war Mitglied der Göttinger Philosophischen Gesellschaft und besuchte im Jahr 1912 auch Seminare Husserls. Husserl zählte ihn zum Phänomenologen-Kreis.

* Der Göttinger Orientologe und Iranist Professor Friedrich Carl Andreas.

* Enno Littmann (1875-1958), seit 1914 Professor für morgenländische Sprachen in Göttingen. Wolfgang Husserl hatte sein Studium bei ihm begonnen. – Wolfgang bezieht sich wahrscheinlich auf die folgende Veröffentlichung Littmanns: „Der Krieg und der islamische Orient“,  in: Internationale Monatsschrift für Wissenschaft Kunst und Technik, 5.Heft 1914, Verlag von B.G. Teubner, 1914, S. 281-408.

30.X.1914 „Hurra! Zweite Feldpost bekommen“

Wolfgang Husserl an Elli Husserl, 30. X. 1914

Liebe Elli!

Hurra! Zweite Feldpost bekommen. Wir haben uns darüber gefreut wie über eine Weihnachtsbescherung. Danke Dir sehr für Deine Photos und Dein Schreiben. Wir haben von Euch ein Pack Schokolade, 2 Schachteln Zigaretten und Zwiebäcke und Briefe bis zum 24. erhalten. Ich glaube, es geht nichts verloren. Ich habe einen Brief aus Ingelmunster <erhalten>, einen Brief mit Gerhart zusammen und gestern einen großen geschrieben. Wenn der etwas flüchtig ausgefallen ist, nehmt‘s nicht übel. Einer unsrer besten Kameraden ist Dr. Niese, ich sage zu ihm Du.

Postwagen

L<iebe> E<lli>, macht Euch keine Sorgen um uns, es geht uns sehr gut. Heute gut gegessen!! Wir beide machen nichts allein, sind immer zusammen. Neulich hat unsere Artillerie dem Feind drei Maschinengewehre kaputt gemacht.

Wolfgang.

28.X.1914 „Ja bei Gott, Ihr könnt Euch nicht klarmachen, wie furchtbar der Krieg ist“

Wolfgang Husserl an M. und E. Husserl, 28. X. 1914

Liebe Eltern!

Heute ist Ruhetag, d.h. wir befinden uns in einem größeren Gehöft, einige 100 Meter hinter der Schützenlinie, zwölf Stunden, um zu schlafen und zu essen. Eben war die langersehnte Feldküche, oder, wie wir sie nennen, die Gulaschkanone da, die uns großartig versorgte.

Feldküche

Posten in der Nacht
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27.X.1914 „Ringsum verbrannte Gehöfte, tote Kühe, platzende Schrapnells, dazwischen Leib an Leib wir Brüder“

Wolfgang Husserl an M. und E. Husserl, 27. X. 1914

Soeben zum ersten Mal Feldpost im Schützengraben nach einem Nachtgefecht erhalten. Hurra! Tausend Dank für die Fußlappen, zwei Sendungen Schokolade und die Karten und Briefe vom 15.-19. Oktober.

W.

Im Schützengraben

 Gerhart Husserl an M. und E. Husserl, 27. X. 1914

Liebe, liebe Eltern!

Zerstörte Landschaft bei Ypern

Heute kam die ersehnte Feldpost! Welches Glück, von der Heimat zu hören, nach der unser aller heiße Sehnsucht geht. Ach, wie herrlich muss es sein mit Euch wieder in Göttingen. Wir sind wieder bei der Kompanie, die sich auf 110 Mann beläuft und liegen im vordersten Schützengraben. Tag und  Nacht wenige hundert Meter vorm Feind. Ihr wisst, Stimming und Götting sind tot, wahrscheinlich auch Bernhard Runge. Meine besten Kameraden sind gerade verwundet oder tot. Die Offiziere unseres Bataillons erhielten sämtlich das Eiserne Kreuz. … Ringsum verbrannte Gehöfte, tote Kühe, platzende Schrapnells, dazwischen Leib an Leib wir Brüder.

Herzlichst Gerhart